Schädel-Hirn-Trauma beim Hund

 

Patientenbeispiel Butch

 

Diesen Patienten und seinen Therapieverlauf möchte ich gerne vorstellen, da ich seinen Fall einerseits super traurig, aber eben auch sehr interessant finde. Gerade für Menschen die im medizinischen Bereich nicht so bewandert sind.

Denn er veranschaulicht sehr schön

- wie schnell eine Auseinandersetzung zwischen Hunden durchaus schief gehen kann

- wie wichtig schnelles Handeln ist, vor allem bei neurologischen Störungen

- wie unglaublich regenerationsfähig das Nervensystem ist

- welch wichtigen Standpunkt die Physiotherapie eben auch beim Tier hat.

 

 

Das ist Butch.

Ein 7jähriger Prager Rattler Rüde.

 

 

Butch wurde Ende November von einem anderen Hund angegriffen und erlitt in Folge dessen, vermutlich,

ein Schädel-Hirn-Trauma mit starken neurologischen Ausfallerscheinungen, inklusiver massiver Wesensveränderungen

durch eine Art Amnesie.

(Stellt Euch mal vor, das Tier, dass seit Jahren mit Euch durch dick & dünn geht, Euch in jeder Situation vertraut

und Euch so viel Liebe schenkt, kennt Euch & sein Zuhause auf einmal nicht mehr

- furchtbar, oder?? )

 

Eine Erstversorgung durch den Tierarzt konnte zum Glück sofort stattfinden. Zu diesem Zeitpunkt konnte der

kleine Kerl weder selbstständig stehen noch gehen und hatte, hier fehlen mir die Worte für eine andere Beschreibung, vergessen wer er war.

 

Ich selbst kenne Butch schon seit einigen Jahren und war wirklich erschrocken, als ich 1 Woche nach dem Ereignis von seinen Menschen um eine Meinung über seine Symptomatik gebeten wurde. Bis dahin konnte er schon wieder selbstständig stehen und gehen, allerdings mit Symptomen, die ich nur mit denen einer Hemiparese (also Halbseitenlähmung) bei meinen Schlaganfallpatienten aus dem Humanbereich vergleichen kann. Das hatte ich bis dato so noch nie bei einem Hund gesehen. Leider gibt es vom ersten "Minibefund" kein Videomaterial, das wäre zu Vergleichszwecken sehr interessant gewesen.

Am schlimmsten fand ich an diesem Tag allerdings, dass der Hund den ich vor mir hatte, charakterlich fast gar nichts mehr mit dem Hund zu tun hatte den ich kannte. Auch das war mir bis jetzt nur aus dem Humanbereich bekannt.

 

Die Diagnose SHT war und ist bis jetzt nicht gesichert, da dies nur über eine MRT- oder CT-Aufnahme möglich ist.

Solche Aufnahmen müssen, um scharfe und auswertbare Bilder zu erhalten, unter Narkose stattfinden.

Da Butch aber gerade Mal ein Körpergewicht von 1,9 kg hat, birgt selbst eine Kurznarkose einige Risiken. Diese müssen in solchen Fällen immer realistisch gegenüber der unbedingten Notwendigkeit der Aufnahmen abgeschätzt werden.

In Butchs Fall war das Risiko eben keine Aufnahme wert.

Die Röntgenbilder der Wirbelsäule waren soweit unauffällig. Allerdings bildete sich ein Abszess unter der Bisswunde am Schädel; nach dessen Öffnung & Sekretentleerung kam es, wahrscheinlich durch die Druckminderung, zu einer weiteren Besserung seines Zustands. Zu diesem Zeitpunkt bekamen wir von der behandelnden Tierärztin auch das Go für die physiotherapeutische Behandlung.

 

Gerade bei neurologischen Symptomatiken ist es am wichtigsten, so schnell & so viel wie möglich zu therapieren, um die größtmögliche Chance auf Erfolg zu haben. Das gilt in der Veterinärmedizin genauso wie im Humanbereich.

Dementsprechend bekommt Butch gerade 2x wöchentlich das volle Therapieprogramm mit u.a. neurodynamischer Behandlung, Hydrotherapie, Stabilitätstraining und Elektrotherapie.

Die restliche Woche führt Butchs Frauchen, teilweise mehrmals täglich, sein Hausaufgabenprogramm mit ihm aus.

 

Da sich in der kurzen Zeit seit dem Ereignis schon so viel getan hat, bin ich sehr optimistisch, dass wir bei Butch gute Chancen auf deutliche Besserung seiner Symptome haben. Ob eine vollständige Genesung möglich ist, wird sich zeigen.

Ich werde Euch auf jeden Fall auf dem Laufenden halten und in regelmäßigen Abständen kurze Updates mit Bildern & Videos hier veröffentlichen.

Drückt uns die Daumen, dass der kleine Mann wieder richtig auf die Füße kommt!

 

 

Der Ersttermin fand 13 Tage nach dem Ereignis statt.

 

Die auffälligsten Befunde sind weiterhin die neurologischen Störungen, ähnlich einer linksbetonten Hemiparese mit Neglect.

Im Gangbild, v.a. im Trab, zeigt sich deutlich, dass ein Vorwärtsgehen ohne Kompensation über die rechte Seite

nicht möglich ist. Auch der Rechtsdrall ist eindeutig sichtbar, sowie die ataktischen (breitbeinige, unsichere, überschießende) Bewegungen der Hinterhand.

Weiterhin werden Kopf & Hals ausschließlich rechtsseitig getragen. Im Vergleich zum "Minibefund" 4 Tage zuvor, können diese, zwar nicht endgradig, nach Anreiz mit Leckerchen aber wieder nach links gewendet sowie rotiert werden.

In Sitz und Stand fällt ebenfalls die verminderte Belastung der linken Körperseite auf.

Die Wendung nach links wird nur sehr ungern, unkoordiniert und nicht komplett ausgeführt.

 

Auch wenn die Qualität der Videos leider nicht ganz so prickelnd ist, sind oben aufgeführte Symptome auch für ungeschulte Augen doch recht deutlich erkennbar.

 

 

Eine der wirkungsvollsten Therapiemöglichkeiten in der Neurologie ist die Hydrotherapie,

v.a. das therapeutische Schwimmen.

Hunde besitzen, leider im Gegenteil zu uns Menschen, eine Art "Schwimmreflex".

Das bedeutet, ein Hund fängt im Wasser reflexartig an mit den Extremitäten in bekannter Manier zu paddeln.

Ist die Reizweiterleitung an die Muskulatur durch den Nerv gestört, z.B. bei Lähmungserscheinungen, kommt es natürlich nicht direkt zu einer Bewegung. Durch die Reflexartigkeit wird der Nerv aber ständig gereizt & stimuliert, was kombiniert mit regelmäßiger Wiederholung sowie anderen tonusstimulierenden Therapieformen, eine Besserung bis hin zur vollständigen Wiederherstellung der Beweglichkeit möglich machen kann.

 

Durch meine mobile Tätigkeit ist es mir bis jetzt nur bei kleinen Hunderassen und den passenden Umständen möglich, therapeutisches Schwimmen als Therapieform anzubieten.

Butch's Körpergröße kommt ihm dahingehend eindeutig zum Vorteil!

 

 

Unsere erste Schwimmsitzung bestand aus 5 Einheiten zu je 1 Minute.

 

Im folgenden Video ist die 1. Einheit zu sehen, deutlich erkennbar ist dort die stark herabgesetzte

Paddelbewegung der Hinterhand.

 

 

Auf dem zweiten Video seht Ihr die 3. Einheit, die zwar überschießende & unkoordinierte Paddelbewegungen v.a. der linken Hinterhand zeigt, aber eben Bewegung.

 

 

Das Schwimmen wird, bis zur nächsten gemeinsamen Sitzung, täglich mit 5x1' ausgeführt.

 

Als weitere Hausaufgaben werden u.a. noch

Stabiübungen im Stand & erhöhtem Vorhandstand auf dem Igelkissen

sowie Tonusregulierende Maßnahmen, u.a. auch mit Wärmeanwendungen, ausgeführt.

 

Bei z.B. orthopädischen Krankheitsbildern gebe ich nicht diese Masse an Übungen bereits ab dem Ersttermin auf,

doch wie oben schon erwähnt, sind bei den neurologischen Erkrankungen die Schnelligkeit & Häufigkeit der Therapie

ganz entscheidend für den Erfolg.

 

Angaben zu Wiederbefund & erster Folgebehandlung erscheinen hier demnächst.

 

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